Zum 90. Geburtstag von Hans-Jochen Vogel
Hans-Jochen Vogel feierte am 3. Februar 2016 seinen 90. Geburtstag. In vielerlei Ämtern und Funktionen, vor allem als Oberbürgermeister von München, Bundesjustizminister, Oppositionsführer im Deutschen Bundestag und als SPD-Parteivorsitzender, hat er die Geschichte und die politische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland wie auch der Sozialdemokratie entscheidend mitgestaltet und nachhaltig geprägt.
Herkunft, Kriegserfahrung, sozialdemokratisches Engagement in der jungen Bundesrepublik
Hans-Jochen Vogel wurde 1926 als erster Sohn einer bürgerlichen Beamtenfamilie – sechs Jahre vor seinem Bruder Bernhard – in Göttingen geboren, hinein in das Ende der Weimarer Republik. Während und nach seiner Schulzeit auf einem humanistischen Gymnasium erlebte er Ideologie und Kriegsmaschinerie des "Dritten Reichs" am eigenen Leib, von der Hitlerjugend bis zum Fronteinsatz. Bereits sein Jurastudium ergriff er aus innerem Verantwortungsgefühl und aus der Erkenntnis heraus, dass es längst nicht genüge, das eigene Wohlergehen abzusichern, sondern dass die junge Generation sich für das Gemeinwesen zu engagieren und sich am Wiederaufbau demokratischer Strukturen zu beteiligen habe. Auch deshalb wurde er 1950 Mitglied der SPD, beeindruckt von ihrer Geschichte und ihrem Eintreten für soziale Gerechtigkeit.
Vom "Karajan der Kommunalpolitik" zum Bundesminister der Justiz
Auf seine Promotion 1950 zum Dr. jur. folgten mehrere Stationen im bayerischen Staatsdienst; parallel stieg Vogel rasch in der Münchener SPD auf. 1960 wurde er Oberbürgermeister von München und blieb es genau 4444 Tage lang. Enorm populär und unter anderem als "Karajan der Kommunalpolitik" gefeiert, bereitete er seine Stadt auf die Olympischen Sommerspiele 1972 vor und setzte Meilensteine auf Münchens Weg zu einer modernen Metropole. Im selben Jahr übernahm Vogel den Landesvorsitz der SPD Bayern, den er bis 1977 innehielt, und wechselte zugleich auf die Bundesebene. Bereits seit 1970 Mitglied im SPD-Parteivorstand, gehörte er ab 1972 nach Karl Schillers Abgang auch dem SPD-Präsidium an. Im Zuge der "Willy-Wahl" in den Deutschen Bundestag gewählt, trat Vogel sogleich als Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau ins Kabinett ein und wechselte 1974 auf Wunsch des neuen Bundeskanzlers Helmut Schmidt ins Justizressort – ein Amt, in dem er wichtige Reformprojekte unter anderem im Schwangerschaftsrecht, Ehe- und Scheidungsrecht und Umweltstrafrecht anstieß und an allen existenziellen Entscheidungen der Regierung maßgeblich beteiligt war, als es galt, die Terrorserie der Roten Armee Fraktion im "Deutschen Herbst" 1977 abzuwehren und die bundesdeutsche Rechtsordnung zu verteidigen.
Verantwortung in schwierigen Zeiten
1981 folgte Vogel einem Hilferuf aus Berlin, um dort in äußerst schwierigen Zeiten das Amt des Regierenden Bürgermeisters zu übernehmen und einen bemerkenswert fairen Wahlkampf gegen Richard von Weizsäcker zu führen. Ging die Wahl auch verloren, so blieb Vogel Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, brachte die SPD-Fraktion als ihr Vorsitzender wieder in ruhiges Fahrwasser und unterhielt wie zuvor bereits in München ein Bürgerbüro, in dem bis 1994 Tausende Bürgerinnen und Bürger individuelle Beratung und praktische Hilfe erfuhren. Nach dem im Oktober 1982 erfolgten Regierungswechsel in Bonn ließ Vogel sich erneut in eher aussichtslos erscheinender Lage in die Pflicht nehmen, trat bei den vorgezogenen Bundestagswahlen im März 1983 als Kanzlerkandidat an und übernahm nach einem überaus respektablen Ergebnis – in der Nachfolge von Herbert Wehner und als parlamentarischer Gegenspieler von Bundeskanzler Helmut Kohl – den Vorsitz der SPD-Bundestagsfraktion, die es in der Opposition wiederaufzurichten und zusammenzuhalten galt. Einen hohen Stellenwert besaßen dabei so wichtige Fragen wie die Vorbereitung eines neuen Grundsatzprogramms, die stärkere Beteiligung der Frauen an Funktionen und Mandaten der Partei sowie nicht zuletzt die Position der Sozialdemokratie im deutschen Einheitsprozess. Da Vogel 1987 von Willy Brandt den SPD-Parteivorsitz übernommen hatte, wurde er nach der Vereinigung von Sozialdemokraten aus Ost und West erster gesamtdeutscher Vorsitzender der SPD, bis er 1991 den Generationswechsel einleitete; dem Deutschen Bundestag gehörte er bis 1994 an. Nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik erhielt Vogel in vielen Ehrenämtern sein hohes Engagement für gesellschaftspolitische Fragen aufrecht.
Der Friedrich-Ebert-Stiftung verbunden
Hans-Jochen Vogel ist der Friedrich-Ebert-Stiftung auf vielfältige Weise verbunden: Seit 1970 ist er Mitglied ihres Kuratoriums und hat unzählige Veranstaltungen durch seine Teilnahme bereichert.
Über Hans-Jochen Vogel mehr erfahren
Von Hans-Jochen Vogels publizistischem Werk zeugt eine große Bibliographie, die von der Bibliothek der FES nach wie vor fortgeschrieben wird (sein jüngstes Buch ist in diesen Tagen erschienen), und all seine Unterlagen werden in seinem Depositum im Archiv der sozialen Demokratie verwahrt.