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Prinzipientreu, aber pragmatisch: Hans Matthöfer (1925-2009)

Hans Matthöfer hat seit den 1960er-Jahren mit vielfältigen Initiativen die deutsche Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung geprägt. Ob mit wirtschafts- und finanzpolitischer Expertise als Minister und Bankvorstand, als gewerkschaftlicher Bildungsarbeiter oder als „Humanisierungsminister“ Partei und Gewerkschaft miteinander verbindend: Immer waren ihm die Rückbindung seiner Tätigkeit an die Gesellschaft und eine demokratische Legitimation von Politik wichtig. Der 2009 verstorbene Politiker wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Seit 2015 vergibt die Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung jährlich den Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik.

Ansprechpartner

PD Dr. Stefan Müller

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Abteilung

Archiv der sozialen Demokratie

 


Das Arbeiterkind im Nationsozialismus

Hans Matthöfer war Teil der Generation, die im Nationalsozialismus aufgewachsen war und die letzten Kriegstage als Teil der Wehrmacht erlebte. Der gebürtige Bochumer stammte aus einem Arbeiterhaushalt, den er selbst als „angenehm unsentimental“ beschrieb. Er steht stellvertretend für eine Generation von Arbeiter:innen und Angestellten, die die junge Bundesrepublik mitprägten, gewissermaßen ein Gegenentwurf zur akademisch geprägten Generation der „68er“.

Matthöfers Jugend war seiner Erinnerung nach vergleichsweise unpolitisch: In der Schule habe es keine großartige Indoktrination im nationalsozialistischen Sinne gegeben, jedoch boten Jungvolk und Hitlerjugend die Möglichkeit zum Ausbruch aus dem gewohnten Umfeld. Matthöfer war nicht im Widerstand, verteilte aber 1941 – vermutlich wegen seiner katholischen Prägung – die „Galenschen Hirtenbriefe“, in denen über die „Euthanasie“-Aktionen gegen Menschen mit Behinderung - aufgeklärt wurde. 1943 musste Matthöfer seine Lehre an einer Handelsschule unterbrechen und wurde zur Wehrmacht eingezogen.

Der Gewerkschafter

Nach dem Krieg beendete Matthöfer zunächst seine Lehre und erhielt dann über eine Ausnahmeregelung die Möglichkeit ab 1948 Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Frankfurt am Main zu studieren. Prägend für ihn und seinen weiteren beruflichen und politischen Weg war sein Auslandsaufenthalt in den USA, wo er mit der Theorie und Praxis der betrieblichen Gewerkschaftsarbeit vertraut gemacht wurde. Bereits 1946 war er der IG Metall beigetreten. Nach dem Studium arbeitete Matthöfer in der Abteilung Wirtschaft beim Vorstand der IG Metall und wurde dort zum Fachmann für Automation. Als solcher wechselte er 1957 zur Organization for European Economic Co-Operation (OEEC, dem Vorläufer der heutigen OECD) und war als Gewerkschaftsattaché in Washington und Paris tätig. Dies war für Matthöfers Laufbahn doppelt von Bedeutung. Zum einen verstärkte die Tätigkeit sein Faible für die US-amerikanische Politik, zum anderen lernte er, sich auf internationalem Parkett zu bewegen.

1960 holte ihn die IG Metall zurück nach Deutschland, um die Abteilung Bildung zu leiten und gewerkschaftliche Bildungsstrukturen aufzubauen. Legendär in der Gewerkschaft wurde die von ihm geleitete Aktion bei Ford in Köln zur Mitgliedergewinnung und Durchsetzung eines Tarifvertrags. Gleichzeitig bereitete Matthöfer seinen Einstieg in die Politik vor. Im selben Jahr zog er zum ersten Mal in den Bundestag ein, wo er verständlicherweise zunächst als verlängerter Arm der IG Metall galt. Matthöfer war von Beginn an niemand, der sich versteckte, im Gegenteil: In der Debatte um die Notstandsgesetzgebung bezog er Stellung gegen die Mehrheitsmeinung in der Fraktion und gegen die Gesetze und stand für seine Position ein. Dies führte auch in seinem Wahlkreis in Frankfurt zu Konflikten. Immer wieder schlug ihm Wind von der eigenen Basis entgegen, beispielsweise während der Diskussion um die Große Koalition 1966. Matthöfer stimmte dieser trotz des Widerstands seines Unterbezirks zu. In der Wahlkreisarbeit nahm seine Frau Traute eine wichtige Rolle ein, die auf alle Veranstaltungen ging, den Wahlkampf organisierte und ihrem Mann so den Rücken freihielt.

Der „Abgeordnete von Barcelona“

Neben der Gewerkschaftsarbeit war die internationale Solidaritätsarbeit ein Schwerpunkt von Hans Matthöfer, den er gemeinsam mit seiner Frau Traute verfolgte: Seit den 1950er-Jahren engagierte sich das Ehepaar Matthöfer für den Aufbau und die Förderung (sozial-)demokratischer Strukturen in Spanien und Lateinamerika. 1970 gründeten sie die Monatszeitschrift Exprès Espanol, die sich mit einer Auflage von 180.000 Exemplaren an die in der Bundesrepublik lebenden Spanier wandte. Auch als aktiver Politiker setzte sich Matthöfer für ein besseres Verhältnis zwischen der deutschen und der spanischen Sozialdemokratie ein. Ein weiteres Thema war die Förderung der Entwicklungshilfe für Lateinamerika. In all seinen Positionen ließ er dieses Engagement als Grundsatz seiner Politik einfließen. Willy Brandt bezeichnete ihn deshalb als „Abgeordneten von Barcelona“. Nach dem Ende der sozial-liberalen Koalition Anfang der 1980er-Jahre baute er sein Engagement wieder aus; in Spanien half er, die Strukturen der PSOE zu stärken, und in Lateinamerika unterstützte er Projekte der Friedrich-Ebert-Stiftung, die die lokale Demokratie und das Verhältnis zwischen Lateinamerika und Europa fördern sollten.

Der „Soliditätsminister“

Mit den Rücktritten von Willy Brandt und Horst Ehmke (bis 1974 Forschungsminister) war der Weg in die Regierung für Matthöfer frei. Der neue Bundeskanzler Helmut Schmidt, einer seiner parteiinternen Vertrauten, beförderte ihn dann zum Forschungsminister.

Der Regierungsposten brachte für Matthöfer neue Herausforderungen mit sich: In der Fraktion war er häufig als linker Hardliner aufgetreten, nun musste er die Kompromisse der Koalition mittragen. Als Entwicklungspolitiker hatte er multinationale Großkonzerne noch kritisiert, nun musste er als Forschungsminister mit ihnen zusammenarbeiten. Er setzte dabei aber eigene Akzente, beispielsweise indem er im Förderprogramm „Humanisierung des Arbeitslebens“ (HdA) Betriebsräten und Gewerkschaften zuvor nicht gekannte Mitspracherechte einräumte.

1978 nutzte Schmidt Matthöfer erneut als „politischen Joker“. Matthöfer wurde Finanzminister, ein Amt, das seinen ökonomischen Kenntnissen und Fähigkeiten entgegenkam. Aufgrund der Krisen der 1970er-Jahre war Matthöfers zentrale Aufgabe, die Staatsverschuldung zu verringern, ohne dem Wirtschaftswachstum zu schaden. Dies ging häufig zu Lasten von Sozialausgaben und bedeutete auch eine Abkehr von seinen eigenen (linken) Überzeugungen. In dieser Zeit erwarb er sich einen Ruf als „Soliditätsminister“, da er auf einen soliden Haushalt ohne große Kreditaufnahmen setzte. Er begab sich damit auf Konfrontationskurs zu linken Kreisen innerhalb der Fraktion und der Partei sowie zu den Gewerkschaften. Er sorgte aber auch dafür, dass sich Helmut Schmidt als Kanzler nicht mit haushaltspolitischen Streitigkeiten herumschlagen musste, sondern sich auf außenpolitische Herausforderungen konzentrieren konnte. So galt Matthöfer Anfang der 1980er sogar als möglicher Nachfolger des Kanzlers.

Zu diesem Zeitpunkt zeigten sich allerdings bereits gesundheitliche Probleme beim Finanzminister, auch wenn diese vermutlich nicht der entscheidende Grund für seinen Rücktritt im Jahr 1982 waren. Ende 1981 wollte Matthöfer eine Antwort auf die wirtschaftspolitische Situation anlässlich der Zweiten Ölkrise geben und eine stabile, ökologisch nachhaltige Wirtschaftspolitik konzipieren. In der öffentlichen Debatte wurde der Inhalt des Papiers jedoch meist auf den Vorschlag Matthöfers, die Steuer auf Ölimporte weiter zu erhöhen, reduziert. Dieser stieß weitestgehend auf Ablehnung, auch beim Kanzler. Da seine Pläne abgelehnt worden waren, wollte Matthöfer dem finanz- und wirtschaftspolitischen Kurs der Koalition nicht mehr folgen und reichte seinen Rücktritt als Finanzminister ein. Schmidt überzeugte ihn, als Postminister Teil der Regierung zu bleiben. Matthöfer freute sich über die Möglichkeit, an der Entwicklung des IT-Sektors mitwirken zu können.

Nach der Politik

Nach dem Aus der Regierung Schmidt näherte sich Matthöfers parteipolitische Karriere dem Ende. Als enger Vertrauter des Ex-Kanzlers kam er als Gesicht für einen Neuaufbau nicht in Frage. 1985 wurde er als Schatzmeister aber noch einmal Mitglied des SPD-Parteivorstands, für den Bundestag kandidierte er 1987 allerdings nicht erneut.

Ende 1986 wurde aus dem Kreis der Gewerkschaften die Bitte an Matthöfer herangetragen, Vorsitzender des Vorstands der gewerkschaftlichen Vermögensholding (BGAG) zu werden. Seine zentrale Aufgabe war, die Gewerkschaftsbeteiligungen zu konsolidieren, die durch die Krise der Gemeinwirtschaft (Neue Heimat) schwer getroffen wurden. Er verantwortete während seiner zehnjährigen Amtszeit zudem Strukturreformen und bewältigte die Auswirkungen des Coop-Skandals. Matthöfer setzte die Schadenersatzansprüche der Gewerkschaften auf ihr Wohnungsvermögen in den Neuen Bundesländern durch. Bei seinem Ausscheiden 1997 hinterließ er eine sanierte und solide aufgestellte BGAG.

Diese Solidität, die ihn schon als Minister ausgezeichnet hatte, steht stellvertretend für sein Lebenswerk. Matthöfer suchte nie das große Spektakel, sondern war in seinem Handeln stets unaufgeregt, pragmatisch und prinzipientreu. Als Gewerkschafter und Abgeordneter stand Matthöfer für seine Überzeugungen ein, auch wenn er sich damit nicht immer beliebt machte. Als Minister war er gezwungen, sich an die politischen Gegebenheiten anzupassen, Hans Matthöfer kämpfte jedoch bis zum Ende für seine Positionen. Zudem ziehen sich gewisse Grundzüge seiner Politik wie das Engagement in Lateinamerika wie ein Leitfaden durch seine politische Laufbahn. Auch der gewerkschaftlichen Arbeit blieb Matthöfer trotz des Bruches im Verhältnis zur IG Metall, der sich im Laufe seiner Zeit als Abgeordneter vollzog, immer treu. Eins haben alle seine Tätigkeiten gemein: Überall war er als Krisenmanager gefragt und überzeugte in dieser Aufgabe.

Bildergalerie

Hans Matthöfer mit Schultüte bei seiner Einschulung

Hans Matthöfer bei seiner Einschulung 1932.

Ausgewählte Publikationen von Hans Matthöfer

Hans Matthöfer: Der Beitrag politischer Bildung zur Emanzipation der Arbeitnehmer. Materialien zur Frage des Bildungsurlaubs (Arbeitsheft 223), IG Metall: Frankfurt am Main 1970.

Hans Matthöfer: Streiks und streikähnlicher Formen des Kampfes der Arbeitnehmer im Kapitalismus, in: Dieter Schneider (Hg.): Zur Theorie und Praxis des Streiks, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1971, S. 155-209.

Hans Matthöfer/Hans-Hilger Haunschild (Hg.): Forschung in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart u.a., Kohlhammer, 1976.

Hans Matthöfer (Hg.): Menschlich überleben. Technologien für den Frieden, Wuppertal: Hammer, 1976.

Hans Matthöfer: Für eine menschlichere Zukunft, 2., überarb. Neuaufl., Düsseldorf/Wien: Econ, 1978.

Hans Matthöfer: Humanisierung der Arbeit und Produktivität in der Industriegesellschaft, Köln: Bund-Verlag, 1980.

Hans Matthöfer: Agenda 2000. Vorschläge zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, Bonn: J.H.W. Dietz Nachf., 1993.

Online-Quellen der FES zu Hans Matthöfer

Tag der Progressiven Wirtschaftspolitik 2025

Hier findet auch die jährliche Verleihung des Hans-Matthöfer-Preises für Wirtschaftspublizistik statt. weiter

Hans Matthöfer: Die Bedeutung der Mitbestimmung am Arbeitsplatz und im Betrieb für die politische Bildungsarbeit der Gewerkschaften, in: Neue Gesellschaft, H. 15 (1968), S. 37-46, Volltext.

Hans Matthöfer: Das Franco-Regime in Spanien - 35 Jahre nach dem Putsch, in: Neue Gesellschaft, H. 18 (1971), S. 498-501, Volltext.

Hans Matthöfer: Unterentwickelte Länder und entwickelte Gewerkschaften, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, H. 7 (1972), S. 407-413, Volltext.

Hans Matthöfer: Was hat die Dritte Welt vom Fremdenverkehr? Chance zur Erhellung entwicklungspolitischer Probleme, in: Sozialdemokratischer Pressedienst, H. 31, 13.02.1973, S. 3, Volltext.

Hans Matthöfer: Die Problematik multinationaler Konzerne: Spannungsverhältnis zwischen übernationaler Konzernstrategie und öffentlichem Interesse, in: Neue Gesellschaft, H. 20 (1973), S. 873-877, Volltext.

Hans Matthöfer: Eine Herausforderung des Gewissens: Die Verantwortung der Politiker im Kampf gegen die Folter, in: Sozialdemokratischer Pressedient, H. 238, 12.12.1973, S.4, Volltext.

Hans Matthöfer: Forschungspolitik und Wirtschaft, in: Neue Gesellschaft, H. 21 (1974), S. 929 – 932, Volltext.

Hans Matthöfer: Kernenergie - die Bewältigung unserer Zukunft als Chance und Risiko, Gewerkschaftliche Monatshefte, H. 10, 1977, S. 626-33, Volltext.

Hans Matthöfer: Operation '82: Weichenstellung für Beschäftigung, in: Sozialdemokratischer Pressedienst, H. 171, 11.09.1981, S.1, Volltext.

Hans Matthöfer: Die Krisen überwinden! Die Sicherung des Friedens ist ohne ein starkes Europa nicht möglich, in: Sozialdemokratischer Pressedienst, H. 113, 16.06.1983, S.5, Volltext.

Hans Matthöfer: Die BGAG im Wandel zu einer Dienstleistungsholding der Gewerkschaften, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, H. 46 (1995), S. 35-41, Volltext.

Weiterführende Literatur zu Hans Matthöfer

Werner Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder: der Gewerkschafter, Politiker und Unternehmer Hans Matthöfer, Bonn: J.H.W. Dietz Nachf., 2009.

Helmut Schmidt/Walter Hesselbach (Hg.): Kämpfer ohne Pathos: Festschrift für Hans Matthöfer, Bonn: Verlag Neue Gesellschaft, 1985.

Klaus Peter Wittemann: Ford-Aktion. Zum Verhältnis von Industriesoziologie und IG Metall in den sechziger Jahren, Marburg: Schüren, 1994.

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