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Archiv der sozialen Demokratie

 

Protestieren in der Vereinigungsgesellschaft: Wellen und Deutungen ostdeutscher Arbeitskämpfe der frühen 1990er-Jahre

In Ostdeutschland gab es bereits Monate vor der Revolution erste Betriebsproteste. Oft waren es Konflikte um Produktionsfragen, schlechte Arbeitsbedingungen und Lohnungleichheiten – Themen, die in der Bundesrepublik Teil der institutionalisierten Mitbestimmung sind. Das änderte sich mit der Einheit.

Mit der Währungsunion (1. Juli 1990), die viele Betriebe über Nacht zahlungsunfähig machte und erste Entlassungswellen bewirkte, wandelte sich das Protestgeschehen. Es spitzte sich in dem Maße zu, wie die Treuhand unter dem Druck der Öffentlichkeit teils bis zu 350 Betriebe im Monat verkaufte und zum Jahreswechsel 1990/91 ein allgemeiner Preisanstieg griff, unter anderem durch den Wegfall bisheriger Preissubventionen der DDR. Die IG Metall organisierte in Leipzig Belegschaftsproteste als „Fortsetzung“ der Montagsdemonstrationen von 1989 und in Berlin nutzte die politisch marginalisierte Nachfolgepartei der SED, die PDS, das Geschehen als Bühne und organisierte Proteste vor den Toren der Treuhand am Alexanderplatz mit. Doch obwohl sich Zehntausende an den Protesten beteiligten, ebbten sie schnell wieder ab, als an Ostern 1991 Treuhand-Präsident Detlev Karsten Rohwedder ermordet wurde. Dennoch gab es Erfolge. Die Bundesregierung legte umfangreiche Wirtschaftsförderungs- und Sozialprogramme auf.

Protestwellen

Es folgten noch zwei Protestwellen, die republikweite Bedeutung beanspruchten, am Ende aber nur lokale oder regionale Auswirkungen hatten. Sie waren zudem durch Übernahmeversuche linker Aktivist:innen geprägt, deren politische Forderungen jedoch schnell in Konflikt mit den Betriebsräten gerieten, die weiterhin auf kurzfristige betriebsbezogene Entscheidungen drängten. So bildete sich im Frühjahr 1992 in Berlin die Ostdeutsche Betriebsräteinitiative, die auch Ableger in Rostock und Sachsen-Anhalt hatte. Ihre Aktivitäten gegen die Politik der Treuhand und für eine staatliche Strukturpolitik strahlten am Ende aber kaum über Berlin hinaus, wo sie indes einige Erfolge erzielte. Ende 1992 zerbrach das Bündnis aus Betriebsräten und Aktivist:innen an Grundsatzfragen.

Anfang Juli 1993 traten im thüringischen Bischofferode etwa 40 Kalikumpel in einen Hungerstreik gegen die bereits beschlossene Schließung ihrer Grube, der – mit Unterbrechungen – bis Ende 1993 anhielt. Obwohl sie mit ihrem Slogan „Bischofferode ist überall“ auf eine nationale Protestbewegung zielten und damit erneut auch linke Aktivist:innen ins katholische Eichsfeld lockten, blieb es am Ende bei einem regionalen Bündnis aus Gewerkschaften und Betriebsräten mit dem Namen „5 vor 12 – Thüringen brennt“, das noch weitere Proteste gegen die Treuhand und für regionale Strukturpolitik durchführte, 1994 aber auch an Konflikten über die Zielrichtung zerbrach.

Die Protestwellen reflektieren die betrieblich-lokale Fixierung der Arbeitskämpfe. Doch zeitgenössische Beobachter:innen überschätzten gerade die Protestereignisse von 1991, 1992 und 1993 und übersahen dabei das vielgestaltige Geschehen vor Ort.

Rückstand, Apathie und Heldentum – zeitgenössische Mediendebatten

Die großen Proteste der Treuhand-Jahre waren immer auch Medienereignisse. Auf die hungerstreikenden Kalikumpel stürzten sich die Medien förmlich und bauten ganze Stützpunkte vor Ort auf. Kleinere Proteste wurden dagegen oft nur in Lokal- und Regionalzeitungen verhandelt und vergessen. Dabei waren die Medien mehr als nur neutrale Beobachter. In Bischofferode waren sie sogar Protestakteur. Die Kumpel richteten ihre Strategie gezielt auf sie aus. Die Berichterstattung spielte wiederum eine wesentliche Rolle für die lange Dauer der Aktionen und bestimmte maßgeblich über die Deutung des Protests mit. Sie schuf überregionale Aufmerksamkeit und bildete damit auch ein funktionales Äquivalent für das Fehlen eines überbetrieblichen Protestorganisators. Erst durch sie entstand ein verbindendes Narrativ, das über den Betrieb hinausragte.

Dabei verfolgten die Medien auch eigene Agenden. Konservativ-liberale Medien, die die Treuhand unterstützten, berichteten eher selten über Proteste. Bei größeren Aktionen aber beschrieben sie die Protestierenden häufig als apathische und desorientierte Opfer einer rückständigen Planwirtschaft, deren Verunsicherung von linken Kräften ausgenutzt werde. Links-liberale Medien, die statt der Treuhand einen gestreckten Strukturwandel wie im Ruhrgebiet forderten, verwiesen auf den Hass und die Wut der Protestierenden und beschrieben die Proteste als Ausdruck sozialpsychologisch negativer Wirkungen der Treuhand-Politik. Medien aus dem kommunistischen und links-aktivistischen Spektrum heroisierten die Protestierenden indes zu Ikonen einer ersehnten neuen Arbeiterbewegung jenseits der etablierten Gewerkschaften.

Modernisierungskrise und Partizipation – sozialwissenschaftliche Deutungen

Die sozialwissenschaftliche Protestforschung der 1990er-Jahre sympathisierte häufig selbst mit den Protestierenden. Sie entwickelte dennoch ein ambivalentes Bild von den Belegschaftsprotesten. Ost- und westdeutsche Protestforscher:innen waren dabei gleichermaßen von Modernisierungstheorien beeinflusst, die einen beständigen Fortschritt der Gesellschaft postulierten. Ostdeutsche Protestsoziolog:innen beschrieben die Belegschaftskämpfe als Krisenproteste und die Protestierenden als „Modernisierungsgegner“. Zugleich sahen sie in den Protesten eine eigensinnige und unkonventionelle Form der politischen Beteiligung. Um dieses Spannungsfeld zu erklären, verwiesen sie auf die destruktive westdeutsche Politik, die die Protestierenden erst zu „Modernisierungsgegnern“ mache. Ostdeutsche Soziolog:innen verorteten sich damit zwischen den Positionen westdeutscher Soziolog:innen, die ostdeutsche Proteste entweder als Ausdruck von Apathie und einer defizitären politischen Kultur oder als Form direkter Demokratie sahen und den Protestierenden Modernisierungsimpulse für die politische Kultur der Bundesrepublik zuschrieben. Karl-Dieter Opp sprach gar von „enttäuschten Revolutionären“ und zog damit jene Verbindungslinie zu 1989, die auch heute noch in sozialwissenschaftlichen Diskursen nachwirkt.

Erfolge, Misserfolge und Gemeinschaft – Narrative der Protestierenden

Nimmt man dagegen die Narrative der Protestierenden selbst in den Blick, dann fällt das Bild ambivalenter aus. In erster Linie verfolgten die Proteste Partikularinteressen. Dabei waren die Bilanzen auch innerhalb von Protestgemeinschaften unterschiedlich. Dazu zwei Beispiele vom Hungerstreik in Bischofferode. Während der Betriebsratsvorsitzende Heiner Brodhun trotz der am Ende erreichten großzügigen Abfindungen und Beschäftigungsgarantien von drei Jahren noch die „kindliche Hoffnung“, als „David“ gegen „Goliath“ antreten zu können, betrauerte, warf ein anderes Betriebsratsmitglied einen differenzierteren Blick auf das Ergebnis: „Wir haben fast das Optimale erreicht, wenn ich darunter nicht den Fortbestand des Kaliwerkes sehe. Wohlgemerkt – im Rahmen der Möglichkeiten, die mir von der Macht in diesem Staat vorgegeben werden“, so Walter Kunze in einem Interview. Der Hungerstreik habe ihn zu der Einsicht gebracht, „daß die rechtlichen und legitimen Mittel in diesem ‚demokratischen Staat‘ nicht ausreichen, um zum ‚Recht auf Arbeit‘ zu kommen.“ In dieser Enttäuschungsgeschichte wird ein ambivalentes Verhältnis zur politischen Ordnung der Bundesrepublik deutlich. Dass ein „Recht auf Arbeit“ in einer Marktwirtschaft nicht existieren kann, jedenfalls nicht in der Form, wie es Kunze vorschwebte, reflektierte er nicht. Doch zeigt das Beispiel, wie politische Erwartungen auch vier Jahre nach der Einheit noch vom realsozialistischen Alltag der DDR geprägt sein konnten.

Neue Untersuchungen zu Protesten jenseits des prominenten Kalistreiks zeigen, dass diese häufig keine vergleichbaren Formen annahmen. Die Kämpfe der Glaswerker in Ilmenau und der Stahlwerker in Hennigsdorf etwa hatten zwar auch eskalative Phasen, waren aber stets in Verhandlungen mit der Treuhand und den Landesregierungen eingebunden. Das zeigt, dass die vielgescholtene Politik keine eindeutige Strategie gegenüber den Protesten verfolgte. Es kam sehr auf den jeweiligen Kontext und die Personen an. Die Proteste in Ilmenau und Hennigsdorf werden in der Rückschau nicht als „wirkungslos“ erinnert, sondern überwiegend als Erfolge, da kein Belegschaftsmitglied in die direkte Arbeitslosigkeit entlassen wurde. Obwohl das auch für Bischofferode gilt, gestaltet sich die Erinnerung an den Kampf der Kalikumpel gänzlich anders.

Die Belegschaftsproteste waren zudem nie nur Arbeitskämpfe, sondern auch ein sozialer Raum, der den oft empfundenen sozialen Statusverlust als Folge der Transformation ein Stück weit kompensierte. Am Beginn des Hungerstreiks von Bischofferode bemerkte ein Teilnehmer in einem Interview: Es ging „plötzlich nicht mehr nur um mich und meinen Arbeitsplatz […], auch nicht mehr darum, hier für die älteren Kollegen zu hungern, nein, unser Hungerstreik ist wie wiedererlangter Stolz, sich zu wehren." Kinderfeste, Fußballturniere, Spiele, Konzerte und vieles mehr waren oft fester Bestandteil von Protesten. Sie sollten Gemeinschaft stiften und wirkten für den Moment dem Zerfall "betrieblicher Kollektive" entgegen, die als Kern der Vergesellschaftung in der DDR funktionert hatten. Sie hatten das gesamte Leben der Beschäftigten und ihrer Angehörigen organisiert – von der Wohnung über den Kindergartenplatz bis hin zum Urlaub und zur Freizeitgestaltung.

Die Inszenierung von Gemeinschaft und „Heimat“ in den Protesten überbrückte auch Konflikte unter den Teilnehmenden. In Bischofferode wurde teilweise sogar im Betriebsrat recht kontrovers über die eigentlichen Protestziele diskutiert. Doch nicht dies, sondern das besondere Gemeinschaftsgefühl wird vielerorts bis heute in privaten Museen und Traditionsvereinen konserviert und zelebriert. Dort wird die Geschichte der Betriebe und der Kämpfe um sie als Gemeinschaftsprojekt erzählt, das aber oft jene ausschließt, die sich der Gemeinschaft entzogen, sie als Zwang empfanden oder nicht zu dieser Gemeinschaft gezählt wurden wie etwa Vertragsarbeiter:innen. So reproduzieren sich die Konflikte und Bruchlinien der DDR-Gesellschaft auch in der lokalen Erinnerungskultur. Zugleich kontrastiert dies Deutungsmuster, die in den Protestaktionen der Treuhand-Jahre eine Fortsetzung von 1989 sehen.

Christian Rau

Christian Rau ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Er forscht u.a. über die Geschichte der DDR, der europäischen Transformationen nach 1989/90 sowie über Gewerkschafts-, Protest- und Geschlechtergeschichte.

 

Verwendete Quellen und Literatur

Böick, Marcus: „Aufstand im Osten“? Sozialer und betrieblicher Protest gegen die Treuhandanstalt und Wirtschaftsumbau in den frühen 1990er-Jahren, in: Bingen, Dieter/Antoniewicz, Piotr (Hrsg.): Legitimation und Protest. Gesellschaftliche Unruhe in Polen, Ostdeutschland und anderen Transformationsländern nach 1989, Wiesbaden 2012, S. 167–185.

Brunner, Detlev, Auf dem Weg zur „inneren Einheit“? Transformation und Protest in den 1990er-Jahren, in: Jahrbuch Deutsche Einheit 1 (2020), S. 169–186.

Brunner, Detlev/Kuhnhenne, Michaela (Hrsg.): Proteste, Betriebe und Gewerkschaften. Beiträge zur ostdeutschen Transformation seit 1990, Berlin 2023.

Burchardt, Susann: Problemlagen, Unzufriedenheit und Mobilisierung. Proteststrukturen in Ost- und Westdeutschland 1990–1994, Marburg 2001.

Dathe, Dietmar: Streiks und soziale Proteste in Ostdeutschland 1990–1994. Eine Zeitungsrecherche, Berlin 2018.

Dathe, Dietmar/Hürtgen, Renate, Gewerkschaften im Einheitsprozess. Ein Tagungsbericht mit notwendigen Kommentaren, in: express 1/2016, S. 14 f.

Ekiert, Grzegorz/Kubik, Jan: Contentious Politics in New Democracies. East Germany, Hungary, Poland, and Slovakia, 1989–93, in: World Politics 50 (1998), S. 547–581.

Gehrke, Bernd: Die „Wende“-Streiks. Eine erste Skizze, in: ders./Hürtgen, Renate (Hrsg.): Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989. Die unbekannte Seite der DDR-Revolution. Diskussion – Analysen – Dokumente, Berlin 2001, S. 247–270.

Goßmann, Till: Proteste gegen die Treuhandanstalt am Beispiel der Aktivitäten zum Erhalt

der Ilmenauer Glaswerke 1993–1994, in: Arbeit – Bewegung – Geschichte 19 (2020), H. 1, S. 26 – 41.

Opp, Karl-Dieter: Die enttäuschten Revolutionäre. Politisches Engagement vor und nach der Wende, Opladen 1997.

Plener, Ulla (Hrsg.): Die Treuhand – der Widerstand in Betrieben der DDR – die Gewerkschaften (1990 – 1994). Tagung vom 2. April 2011 in Berlin. Beiträge und Dokumente, Berlin 2011.

Rau, Christian: Die verhandelte „Wende“. Die Gewerkschaften, die Treuhand und der Beginn der Berliner Republik, Berlin 2022.

Rau, Christian: Hungern für Bischofferode. Protest und Politik in der ostdeutschen Transformation, Frankfurt a.M./New York 2023.

Rink, Dieter/Burchardt, Susann: Apathie oder Aufbegehren? Proteste in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, in: Hofmann, Michael (Hrsg.): Umbruchserfahrungen. Geschichten des deutschen Wandels von 1990 bis 2020, erzählt von ostdeutschen Sachverständigen, Münster 2020, S. 55–70.

Roesler, Jörg: Mit oder gegen den Willen der Betriebsbelegschaften? Die Privatisierung in Polen und den neuen Bundesländern 1990 bis 1995 im Vergleich, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 14 (2015), H. 2, S. 44–66.Warnecke, Jakob: Wandel gewerkschaftlicher Praxis im ostdeutschen Betrieb. Ostdeutsche Transformationsprozesse in den Jahren 1989–1994 am Beispiel des Stahlwerks Hennigsdorf, Düsseldorf 2024.


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