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Theobald Tiger an Peter Panter - Kurt Tucholsky und seine Alter Egos in der „Weltbühne“

Für viele Jahre prägten die Texte Kurt Tucholskys die "Weltbühne", die als "Wochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft" eine wichtige Rolle in der deutschen Presselandschaft nach dem Ersten Weltkrieg spielte. Die auch durch Tucholskys Beiträge begleitete Metamorphose dieser Zeitschrift spiegelt die tiefgreifenden gesellschaftlichen und politischen Veränderungen zu Zeiten der Weimarer Republik.

Bild: Die Weltbühne 1918 von Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung lizenziert unter CC BY-NC-SA 3.0 DE

„Wir sind fünf Finger an einer Hand. Der auf dem Titelblatt und: Ignaz Wrobel. Peter Panter. Theobald Tiger. Kaspar Hauser.  … Ich mag uns gern.“

So beschreibt Kurt Tucholsky in dem Band „Mit 5 PS“ sein Dasein mit seinen vier Pseudonymen. Notwendig wurde ihre Entstehung, um Tucholskys zahlreiche Beiträge zur „Weltbühne“ zu kaschieren: von über 14.000 Artikeln werden 1552 ihm (und seinen Pseudonymen) zugerechnet. „Die Weltbühne“ und Tucholsky – das ist nicht zu trennen. Dieter Tiemann schreibt „von einer Art Symbiose zwischen dem Meister der kleinen literarischen Form und dem Sprachrohr einer unangepassten linken Intellektuellenszene“.
 
Bereits 1913 stößt Tucholsky zu der damals noch unpolitischen Theaterzeitschrift „Schaubühne“. Der Erste Weltkrieg führt zu einer Politisierung und Linksausrichtung der Wochenschrift – allerdings mit Blick auf die staatliche Zensur im gemäßigten Kurs. Vor rund 100 Jahren, im April 1918, zieht der Herausgeber Siegfried Jacobsohn die Konsequenz und definiert die „Weltbühne“ als „Wochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft“. Sie tritt entschieden gegen reaktionäre Tendenzen im Militär und in der Verwaltung ein. Insbesondere den milden Umgang der Justiz mit den zahlreichen politischen Morden in der frühen Weimarer Republik prangert sie immer wieder heftig an.


„Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.“

Auch Tucholsky verändert sich: die Teilnahme am Krieg hat seine antimilitaristische Einstellung verfestigt. Hatte er früher noch zwischen Anpassung und Nonkonformismus geschwankt, so wird er nun zum engagierten Kommentator, greift Politiker, Bourgeoisie und Kapitalisten, Justiz und Militär in gnadenloser Schärfe an.
Im April 1918 erscheint unter seinem Namen ein Grundsatzartikel mit dem Titel „Wir Negativen“, der auf den Vorwurf reagiert, die „Weltbühne“ lehne alles ab, sei nicht positiv genug und beschmutze gar das eigne deutsche Nest. Tucholsky beschreibt die gesellschaftspolitischen Zustände nach dem Zusammenbruch der Monarchie und fordert eine „anständige Gesinnung“, die die kritisierte Wirklichkeit meistern und überwinden könne. Und er schließt: „Wir können noch nicht Ja sagen.“ Die Novemberrevolution erscheint ihm und den Mitstreitern in der „Weltbühne“ nicht wirklich erfolgreich, der Übergang zur Demokratie unzureichend. Nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 fordert er: „Wir haben keine Revolution gehabt. Macht eine“.

Tucholsky ist links, aber kein Parteisoldat. Vor dem Krieg hatte er noch im „Vorwärts“ veröffentlicht und 1911 die SPD im Wahlkampf unterstützt, jetzt treffen die schneidenden Satiren der 1920er Jahre auch SPD-Politiker wie Gustav Noske und Friedrich Ebert, den er für seine intellektuellen Schwächen verspottet. Nach dessen Tod attestiert er ihm persönlichen Anstand, beurteilt seine Politik jedoch als „unheilvoll, verderblich und falsch orientiert“.

Die unnachgiebigen, radikalen Positionen der „Weltbühne“ werden nicht nur von den Konservativen kritisiert. Walter Benjamin etwa urteilt: „Er [der Radikalismus] steht links nicht von dieser oder jener Richtung, sondern ganz einfach links vom Möglichen“.


„Und diese fünf haben nun im Lauf der Jahre in der „Weltbühne“ gewohnt und anderswo auch.“

Auch wenn Tucholsky und seine Pseudonyme die Zeitschrift prägen, gehören (wie Alexander Gallus schreibt) „die besten Federn der Zeit“ zu den Stammautoren: Carl von Ossietzky, der später die Schriftleitung übernimmt, nach der Machtübernahme ins KZ verschleppt wird und 1938 an den Folgen der Haft verstirbt; außerdem Kurt Hiller, Alfred Döblin, Bertold Brecht, Lion Feuchtwanger, Else Lasker-Schüler, Walter Mehring, Erich Mühsam, Fritz Sternberg, Ernst Toller. Sie alle müssen Deutschland verlassen, als die Nazis die Macht übernehmen. Ihre Bücher werden verbrannt. Die letzte Ausgabe der „Weltbühne“ erscheint am 14. März 1933.

Kurt Tucholsky lebt da bereits seit geraumer Zeit im Ausland: 1924 geht er nach Paris, 1929 nach Schweden, beteiligt sich aber über die „Weltbühne“ weiterhin an den politischen Debatten in der Heimat, bleibt kritischer Beobachter. Die Wochenschrift hat zunehmend mit gerichtlichen Auseinandersetzungen zu kämpfen: ein Artikel über die verbotene fliegerische Aufrüstung der Reichswehr führt zu einer Anklage wegen Landesverrats. Carl von Ossietzky wird zu 18 Monaten Haft verurteilt. Auch wegen des Tucholsky-Satzes „Soldaten sind Mörder“ wird Ossietzky 1932 verklagt, dann jedoch frei gesprochen. Tucholsky überlegt, zu diesem Prozess nach Deutschland zurückzukehren; die Angst, den Nationalsozialisten in die Hände zu fallen, ist zu groß (und berechtigt). Angesichts der politischen Entwicklungen verstummt Tucholsky zunehmend: alle seine Warnungen verhallten ungehört, sein Eintreten für die Republik, für Demokratie und Menschenrechte war offenbar ohne Wirkung geblieben.  

Am 21. Dezember 1935 stirbt Kurt Tucholsky an einer Überdosis Schlaftabletten.

 

„Die Weltbühne“ ist hier online einsehbar
 

Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung hält eine Vielzahl von Veröffentlichungen von und über Kurt Tucholsky und über „Die Weltbühne“ bereit. Zur Trefferliste geht es hier.
 

 


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