Progressive Staatserneuerung

Collage mit Szenen, die einen funktionierenden, befähigenden und verbindenden Staat ausmachen und repräsentieren, darunter Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen, Infrastruktur, Sportvereine, Technik und Natur in pastellfarbenen Tönen.
Urheber: FES / edeos - digital education GmbH

Für ein neues Wir

„Zu träge, zu bürokratisch, zu bräsig“ – Menschen in aller Welt sind nicht mehr zufrieden mit ihrem Staat. Das Gefühl reicht hinein bis weit in die Mitte der Gesellschaft. Und es kratzt am Vertrauen in Politik und Institutionen.

Und mancherorts ist die politische Reaktion der radikale Rückschnitt des Staats mit der Kettensäge. Mit einem gestutzten, schwachen Staat ist aber keine Zukunft zu gewinnen. Ob Klimawandel, Künstliche Intelligenz oder Migration: Für die großen politischen Aufgaben unserer Zeit brauchen wir handlungs- und leistungsfähige Staaten.

Doch die Modernisierungsdebatte läuft zu oft in Silos. Die einen sprechen über Effizienz und Effektivität, andere über Vertrauen und Akzeptanz, wieder andere über die Wirkung des Staates auf Gesellschaft und Individuum. So entsteht eine fragmentierte Debatte, die systemische Fragen mit isolierten Maßnahmen beantworten will.

Unser Projekt geht einen anderen Weg: Wir denken staatliche Leistungsfähigkeit zusammen mit einer sozialdemokratischen Sicht auf Menschen und Gesellschaft und mit der Frage, wie der Staat auf jede und jeden Einzelnen wirkt. Dabei blicken wir auch auf internationale Staatsbilder von Botswana bis Neuseeland. Kurze Länderartikel liefern Impulse für die deutsche Debatte.

Unser zentrales Argument: Das politische „Wozu“ unseres Staates muss darin bestehen, Gesellschaft als sozialen Rahmen für alle zu stärken. Nur so sind Bürgerinnen und Bürger bereit und in der Lage dazu, füreinander da zu sein, einander zu schützen und zu einem eigenständigen Leben zu befähigen, und gemeinsam die großen Missionen der Zukunft zu bewältigen. 

Nur so wird aus dem Staat ein sozialdemokratischer „Wir-Staat“.

Die drei Säulen des Wir-Staats

Collage zum Thema fähiger Staat. Mit Elementen, die der Staat leisten muss, damit er gut funktioniert, wie Paragraph für Justiz, Bundestag für Politik, Stethoskop für Gesundheitsversorgung und eine Hand, die eine mittelgroße Stadt hält.
Urheber: FES / edeos - digital education GmbH

Der fähige Staat

Vertrauen in Gemeinschaft entsteht, wenn der Staat wirksam, verlässlich und demokratisch handelt und konkrete Ergebnisse liefert.

Collage zum Thema befähigender Staat. Mit Elementen, die der Staat zur Verfügung stellen muss, um die persönliche Entfaltung des Menschen zu fördern, wie Bildung (Alumni-Kappe), Kultur (Bücher), Schutz (schützende Hände), Gesundheit (rotes Kreuz).
Urheber: FES / edeos - digital education GmbH

Der befähigende Staat

Ein fähiger Staat befähigt Menschen, ihr Leben selbstbestimmt zu führen. Soziale Sicherheit, Bildung und öffentliche Infrastruktur schaffen reale Freiheit und demokratische Teilhabe.

Collage zum Thema verbindender Staat mit Elementen, die der Staat für eine funktionierende Gemeinschaft zu Verfügung stellen muss, wie Orte der Begegnung, symbolisiert durch viele Hände, die einen Baum formen. Verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen sind dadurch miteinander verbunden, z.B. junge Menschen, ältere Menschen, Menschen mit Behinderung usw.
Urheber: FES / edeos - digital education GmbH

Der verbindende Staat

Der Staat, das sind wir alle. Seine Aufgabe ist es, die Voraussetzungen für Zugehörigkeit, demokratische Teilhabe und gemeinschaftliches Handeln zu schaffen – damit aus Gesellschaft ein demokratisches „Wir“ entstehen kann.

Voraussetzung und Grundlage für Vertrauen in Gemeinschaft ist, dass der Staat den Erwartungen seiner Bürgerinnen und Bürger entsprechend funktioniert und gute Ergebnisse liefert. Dafür muss er sich von Organisationsprinzipen und der bürokratischen Prozessorientierung des 19. Jahrhunderts lösen und zu einem ergebnisorientierten Möglichmacher werden.

Er muss in der Lage sein, komplexe Probleme zu lösen, ohne sich von seinen eigenen Prozessen lähmen zu lassen. Dafür nimmt er sich anspruchsvolle Missionen vor, die politische Einzelmaßnahmen in Zusammenhang zueinander setzen und priorisieren. Nur so wird erkennbar, wozu staatliches Handeln dient.

Ein fähiger Staat braucht handlungsfähige Bürgerinnen und Bürger. Seine Aufgabe geht deshalb über die Organisation von Sozialleistungen hinaus. Er muss Menschen in die Lage versetzen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten – für sich und gemeinsam mit anderen in der Gesellschaft.

Soziale Sicherheit, Bildung und öffentliche Infrastruktur schaffen die Voraussetzungen dafür, vernünftige Risiken einzugehen, mit Veränderung umzugehen und das eigene Leben in die Hand zu nehmen. So entsteht reale Freiheit – und die Fähigkeit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Der Staat, das sind wir alle – nicht „die da oben“ oder eine ferne Institution. Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein gutes Leben nur gemeinsam gelingen kann.

Dafür braucht es Zugehörigkeit, Vertrauen und Orte der Begegnung. Der Staat muss die Voraussetzungen schaffen: durch starke öffentliche Räume, lokale Beteiligung, demokratische Mitbestimmung und Unterstützung des Ehrenamts.

Staatliches Handeln braucht dabei eine erkennbare gesellschaftliche Richtung. Denn nur, wenn politische Entscheidungen Teil einer gemeinsamen gesellschaftlichen Vision werden, entsteht das Gefühl, Teil eines gemeinsamen Projekts zu sein.

Was wir von Gesellschaft erwarten, ist heute oft nicht mehr das, was wir von ihr erleben. Das, was Zusammenhalt ausmacht – Vertrauen, Fürsorge, gemeinsame Erfahrungen und Stolz aufeinander – steht unter Druck: durch Polarisierung, soziale Isolation, verfallende öffentliche Räume und den Angriff der extremen Rechten auf das demokratische Miteinander.

Darauf reichen keine politischen Einzelmaßnahmen als Antwort. Davon hatten wir in den vergangenen Jahrzehnten genug: ein bisschen für jede Gruppe – das hat unsere Gesellschaft nicht zusammengehalten. Im Gegenteil: Es hat erbitterte Konkurrenzkämpfe erzeugt. Vielleicht haben gerade wir als Progressive darüber etwas Wesentliches aus dem Blick verloren: das Wir. Und gerade deshalb ist es unsere Aufgabe, staatliches Handeln darauf auszurichten, es wiederherzustellen. Denn wenn es der Gesellschaft nicht gut geht, leider jede:r Einzelne. Und wenn es dem Einzelnen nicht gut geht, schadet das der Gesellschaft. Wir alle sind Teil der Gesellschaft und sie ist ein Teil von uns. Das liegt in unserer Natur als soziale Lebewesen. 

Was wir uns vornehmen müssen, ist eine Rückbesinnung auf sozialdemokratische Ur-Werte: Wir wollen wieder eine Gesellschaft sein, die gute Nachbarschaft lebt - nach innen und nach außen. Nur so schaffen wir es, gemeinsam das Wesentliche zu priorisieren, anstatt uns im Kleinklein zu verlieren. Nur so räumen wir die großen Spaltpilze und Streitthemen aus dem Weg. Nur so bestehen wir in einer Welt der Polarisierung, Konfrontation und Hilflosigkeit.

Dafür müssen wir klar definieren, wer „Wir“ sind und wie man ein Teil von uns werden kann. Denn im Gegensatz zum „Volk“ ist „Wir“ etwas Offenes, Inklusives. Etwas, das einlädt statt auszugrenzen. All das erfordert einen Staat, der die Kraft und das gemeinschaftliche Vertrauen besitzt, um dieses „Wir” zu ermöglichen.

Publikationen zum Projekt

Der Capability State - Der Befähigungsstaat

Meyer, Henning | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., Juni 2026

eine progressive Vision für das 21. Jahrhundert

weitere Sprachversionen

L'État capable

Meyer, Henning | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., Juin 2026

une vision progressiste pour le XXIe siècle

El estado de capacidades

Meyer, Henning | Bonn, Alemania : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., Junio 2026

una visión progresista para el siglo XXI

Über das Projekt

In Deutschland nimmt die Debatte über die Modernisierung des Staats Fahrt auf. Spätestens mit den Handlungsempfehlungen der „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und der Einrichtung eines Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung ist klar: Das Thema ist im politischen Mainstream angekommen.

Das Projekt „Progressive Staatserneuerung“ trägt hierzu bei, indem es zwei Leerstellen füllt: Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Henning Meyer ist das Grundlagenpapier zum „Befähigungsstaat“ entstanden, das eine Synthese aus politischen, soziologischen und philosophischen Disziplinen und Denkschulen bildet, die bislang isoliert geblieben sind. Die zweite Leerstelle schließt das Narrativ zum „Wir-Staat“, eine erzählbare Kommunikationsübersetzung der inhaltlichen Überlegungen. 

Besonderheit des Projekts: Schon in der Entstehung der inhaltlichen Grundlage haben die Diskussionen im Projektteam politische und kommunikative Fragestellungen im Zusammenhang miteinander betrachtet und entwickelt.

Kontakt

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