Fürs Leben lernen
Die Schülergenossenschaft AleXargo der Alexanderschule in Wallenhorst baut Fahrrad-Schwerlastanhänger. Sie ist Teil des Modellprojekts „Zukunftsschule“ in Niedersachsen und zeigt: Ökologischer Wandel ist keine Utopie.
Mitbestimmung | 3. April 2025 | Reportage von Harff-Peter Schönherr | Fotos: Christian Protte | Lesezeit: 7 Minuten
Wer eine Botschaft hat, erklärt sie gern in griffigen Sätzen, je kürzer desto besser. Auch die Schülergenossenschaft AleXargo der Alexanderschule im niedersächsischen Wallenhorst tut das: „Das Fahrrad“, steht in ihrem Geschäftsplan, „ist das effizienteste Fortbewegungsmittel der Welt“.
Die Upcycling-AG, 2022 gestartet, ist Teil des Modellprojekts „Zukunftsschule“ des Niedersächsischen Kultusministeriums und eine echte Öko-Mission: AleXargo baut dreirädrige Fahrrad-Schwerlastanhänger, teils aus ausrangierten Rollstühlen und Mountainbikes. Lebenspraktischer kann eine Umsetzung des UNESCO-Programms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) nicht sein.
AG mit zehn Schüler:innen
Das X des Namens will wie ein X-C ausgesprochen werden, sagt Techniklehrer Krischan Kahlmeier, der die derzeit zehn Schüler:innen starke AG leitet: C für Cargo. Für bis zu 750 Liter Ladevolumen und 120 Kilo Gewicht sind seine Anhänger ausgelegt. „Wir haben auch schon Tests mit 240 Kilo gemacht“, sagt Kahlmeier und lacht. „Klar, die Reifen waren ziemlich platt, trotz acht Bar Druck. Ging aber.“
Wer Raum E.71 betritt, die Werkstatt von AleXargo, kommt an einem Zettel vorbei, der ziemlich kämpferisch klingt und jeden Zweifel ausräumt: „Nicht stören! Hier findet regulärer Unterricht statt!“ Im Inneren, neben einer selbstgezeichneten Manga-Figur in AleXargo-Arbeitskleidung, ist zu lesen: „Handwerker machen keine Pausen, sie geben dem Werkzeug nur Zeit, sich zu erholen.“ Das zeigt: Hier ist nicht nur der Ernst des Lebens zuhause, auch die Lockerheit, der Witz.
Das Niedersächsische Kulturministerium hat das Modellprojekt„Zukunftsschule“ initiiert. Angelegt ist es auf fünf Jahre, von 2021 bis 2026. Dabei geht es nicht nur um die Veränderung und Erweiterung bestehender Unterrichtsinhalte, sondern auch um Schulkonzepte insgesamt. Das stieß auf unerwartet große Resonanz: Ursprünglich war das Projekt nur für die Teilnahme von zwanzig niedersächsischen Schulen geplant. Da die Anzahl der Bewerbungen viel größer war als erwartet, durften schließlich alle Schulen, die den Bewerbungsprozess erfolgreich durchlaufen hatten, „Zukunftsschulen“ werden – 64 sind es heute insgesamt. Mehr dazu im VORAN-Bericht.
Lieferung per Rad von Wallenhorst nach Ulm
Heute ist ein ganz besonderer Tag. Neue Schüler fangen ihr AG-Leben an. Und in ein paar Stunden geht ein Anhänger, Nummer 20 der Produktion, auf seine Auslieferungsreise zum Kunden. Der sitzt in Ulm. Das sind 683 Kilometer. Und weil bei AleXargo Nachhaltigkeit nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, legt der Anhänger sie hinter einem Fahrrad zurück, in zwölf Staffel-Etappen. Zur ersten, Richtung Münster, sitzt Kahlmeier am Lenker. Auch nach Köln ging es schon mal.
Wer bei AleXargo ordert, bekommt seinen Anhänger standardmäßig in Grün. „Das betont den Ökoansatz“, sagt Kahlmeier. „Das steht für grüne Mobilität.“ Er selbst ist heute schon etliche Kilometer zur Schule gefahren, auf seinem Liegerad: „Burn fat, not oil“, steht drauf. Kahlmeier ist ein Gründenker aus vollem Herzen, nicht nur aus pädagogischem Kalkül: Er hat Landwirt gelernt, gleich nach dem Abitur. „Die Alternative war Zimmermann“, sagt er. „Wenn du mal in eine Kommune ziehst, hab ich gedacht, kannst du das bestimmt gebrauchen.“
Sein erstes Fahrrad hat er mit sechs Jahren auseinander gebaut, sein erstes Tandem mit 17 zusammen. Jetzt motiviert er Schüler:innen zum Schrauben. „Einer unserer Anhänger ersetzt bis zu fünf PKW“, beschreibt er seine eigene Motivation. „Wenn man ihn mit fünf Parteien gemeinschaftlich nutzt.“
„Frei-Days“ für mehr Nachhaltigkeit
Es ist Freitag, 9.55 Uhr, die dritte Stunde beginnt. Der Rest des Tages ist „Frei Day“, wie jede Woche, AG-Zeit, und das hört sich nicht von ungefähr nach den Fridays for Future an. Neben AleXargo umfasst der „Frei Day“ der Alexanderschule ein knappes Dutzend Projekte, die sich an den Nachhaltigkeitszielen der UN orientieren, vom Anti-Rassismus bis zum Tierschutz.
Worum es im „Frei Day“ geht, hängt auch auf dem Schulflur aus: Um Hoffnung und Zuversicht für eine krisengeprägte, oft bedrohlich wirkende Zukunft, um Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit, um neue Perspektiven und die Bereitschaft zum Wandel, um konkrete Lösungen für die gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen. Besonders bemerkenswert: Die Alexanderschule ist eine Hauptschule - die einzige in Niedersachsen, die an der „Zukunftsschule“ teilnimmt.
Es kreischt, rasselt, klirrt, schabt
Es geht los. Maschinen werden auf Werkbänke gewuchtet, Materialboxen aus Schränken geholt. Dass E.71 zugleich der Töpferraum ist, ist schnell vergessen. Überall trifft Metall auf Metall, auch akustisch. Es kreischt, rasselt, klirrt, schabt. Kahlmeier schreibt die Aufgaben des Tages an die Tafel. Schüler:innen, die sich für AleXargo entscheiden, wissen am Ende, was eine Deichselgabel ist, ein Schottblech, ein Achsstummel. Sie hantieren mit einer Schleifmaschine („!Ärmel hoch!“), einer Bandsäge, einem Elektro-Schweißgerät. Sie wissen über Schutzbrillen und Sicherheitsschuhe Bescheid, Gehrungs- und Schiftungsschnitte, können Konstruktionszeichnungen lesen, mit Rostlöser umgehen.
Kiril, 15, ist einer von ihnen. Fachmännisch kürzt er ein Werkstück zwischen Gabel und Deichsel, dessen Zweck auf den ersten Blick ziemlich kryptisch wirkt.
Lenn, 13, sieht ihm aufmerksam zu. Kiril erklärt, zeigt, sehr ernsthaft. Man spürt: Er geht ganz in seiner Aufgabe auf. „Das ist spannender als normaler Unterricht“, sagt er und lacht. „Hier lernst du was, das dir später mal was bringt.“ Kurz darauf steht er an der Säge. Ein neuer Anhänger entsteht, und Kiril schneidet Teile des Edelstahlrahmens zu. Misst, prüft, hochkonzentriert.
Auch Martin, 15, hantiert mit einer Säge. Er ist seit einem Dreivierteljahr dabei und hat ein bisschen gebraucht, um mit der AG warm zu werden, räumt er ein. Aber jetzt macht sie ihm Spaß. „Hier entsteht was“, sagt er. „Und irgendwas ist immer neu.“ Auch beruflich will er später was Handwerkliches machen, wahrscheinlich Automechanik.
Dima, 15, hat sich ganz dem Fahrrad verschrieben: „Ich mag Fahrräder einfach!“, sagt er. „Ich hab da Spaß dran. Später baue ich mir mein eigenes, ganz wie ich es haben möchte.“ Im Moment bedient er die Speichengewindewalzmaschine, die sehr klein ist und sehr teuer. Wer ihren Hebel runterzieht, möglichst nicht zu ruckhaft, hört es kurz gefährlich knacken, aber das muss so. Dima will Zweiradmechaniker werden. „Das steht für mich schon lange fest“, sagt er. „Schon seit Jahren.“
Lernzeit an Maschinen
Auf fünf Jahre ist das Modellprojekt „Zukunftsschule“ in Wallenhorst ausgelegt. Viel Lernzeit, in der bei AleXargo noch viele Anhänger entstehen – an Maschinen, die teils aus den Verkaufserlösen finanziert sind, teils geschenkt, teils privat mitgebracht. Eine von ihnen, die wie ein gewaltiger Bohrer aussieht, hat sogar einen Namen: Susie.
Derweil belädt Krischan Kahlmeier den Anhänger, mit dem er gleich nach Ulm aufbricht, mit einer Kiste Malzbier. Die Spanngurte für seine Fracht sind so grün wie das Gefährt selbst. Und dann erzählt er, in einem Raum voller Zangen und Luftpumpen, Schraubzwingen und Besen, Schläuchen und Reifen, während seine beiden Ganztags-Assistenten den Schüler:innen zur Hand gehen: Dass sich AleXargo das Rollstuhlmaterial aus Gütersloh holt - mit dem Fahrrad. Wie AleXargo vor zwei Jahren seinen Aussteller-Stand auf eine Fahrradmesse in Lingen transportiert hat – mit dem Fahrrad. Dass AleXargo-Anhänger durch jede Zimmertür passen. Dass jeder Genossenschaftsanteil 20 Euro kostet und jeder den Bauplan des Anhängers frei nachbauen darf. Handfest klingt das alles, konsequent, leidenschaftlich. Zuweilen auch, bei aller Selbstironie, ein bisschen stolz.
Offene Werkstatt
Jeden Mittwoch öffnet AleXargo seine Werkstatt für die ganze Schule. Manchmal gibt es auch Workshops für Partnerschulen des Modellprojekts. Oder für Selbstbauer, die ein bisschen Geld sparen wollen, denen die Wartezeit bis zur Auslieferung zu lang ist – derzeit beträgt die ein knappes Dreivierteljahr. Klar, nicht immer läuft alles optimal. Manchmal fehlt es an Durchhaltewillen, manchmal an Fähigkeiten: „Viele liegen heute ja nur noch auf dem Sofa und machen sich nicht mehr gern die Hände schmutzig“, sagt Kahlmeier. „Viele sehen auch nicht, wenn Arbeit ansteht.“ Für alle anderen hält Raum E.71 Ratschläge bereit wie: „Finger weg!!! Sonst Finger ab!!“
Und wenn man nie 750 Volumenliter transportieren muss, nie das Gewicht von mehr als 100 Litern Milch? Dann kann man den AleXargo-Anhänger natürlich auch AleXargo-Genoss:innen zur Verfügung stellen. Wer das tut, wie schon Kunden in Gütersloh und Holzminden, spart deutlich: Statt 1.500 Euro pro Individualfahrzeug fallen dann nur 1.000 Euro an, für einen Bau-Workshop.
Ganz neu ist die Idee mit dem Schwerlastanhänger natürlich nicht. AleXargos Vorbild, und zugleich einer der Unterstützer der Wallenhorster Schülergenossenschaft, ist Carla Cargo Engineering in Süddeutschland. Kahlmeiers Truppe hat hier viel gelernt, auch durch Nachbauten.
Auf der Bühne der kleinen Aula der Alexanderschule stehen Quader aus buntem Karton – auf ihnen die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN, von „Maßnahmen zum Klimaschutz“ bis „Keine Armut“. Wer genau hinsieht, bemerkt, dass es 18 Kartons sind. Auf dem zusätzlichen steht „Lernen die Welt zu verändern“ und „Frei Day“. Offensiver kann man sich nicht positionieren.
Zukunftsweisendes Engagement
Wie es in Wallenhorst weitergeht? Kahlmeier hat eine Idee: Ein Preis für zukunftsweisendes Engagement soll entstehen, dotiert mit 1.000 Euro aus den Einnahmen von AleXargo, deren Überschuss sonst in andere Projekte der Schule fließt, von der Demokratiebildung bis zur Garten-AG. „Auf den kann sich dann jeder bewerben.“ Noch hat der Preis keinen Namen. Noch ist offen, wie groß sein Einzugsgebiet sein könnte. Aber die Zeichen stehen gut, das die Idee zur Wirklichkeit wird. AleXargo hat schon ganz andere Dinge ins Rollen gebracht.